Lerbach – zum wiederholten Male begeistert

Stehen Nils Henkel und Co. im Schatten des berühmt berüchtigten, dreifach besternten, unter der Top-Ten der Welt vertretenen Schwesterdependance? Auch wenn ich diese noch nicht besucht habe, wage ich nach meinem zweiten Durchgang im Lerbach doch zu behaupten – auf keinen Fall. So geradlinig, charmant, souverän, kreativ und nicht zuletzt unglaublich grandios wie das Team auftritt und kocht, wüsste ich nicht groß, was da noch besser gemacht werden sollte.

Aber halt, ich greife vor. Ein Gang zurück und eins nach dem anderen –  Beweisführung bitte!

Fingersnacks zur Menüwahl, ein erfrischender Aperitif, ein Apfelsaft (!) und das Amuse Bouche unter dem Motto des Basilikums machen direkt Freude. Würzig, ausgewogen und immer klar auf bestimmte Aromen konzentriert – das gibt schon einen schönen Einblick auf das Folgende.

Häppchen

Amuse Bouche (Basilikum)

Amuse Bouche (Basilikum)

Noch ganz kurz zu Speisenauswahl: ich schwankte – ungewohnterweise – zwischen dem klassischen Menü und der, schon oft gelobten, vegetarischen Variante. Am Ende konnte ich mich nicht ganz durchringen komplett auf die Eiweißbringer zu verzichten, aber ein vegetarischer Gang soll trotzdem seinen Weg zu mir finden – dazu später mehr. Als Getränkebegleitung die Unvergorene bitte – dem Auto sei es geschuldet – oder besser, gedankt.

Aber fangen wir mal endlich zu Essen an. Als erster Gang wurde Hummer aufgetischt – auf der Karte annonciert als Blauer Hummer & bunter Bete, Gartenkräutern und Zitrone.  Gelungen die Kombination des Krustentiers mit der erdigen Knolle. Zugleich leicht, sommerlich, fein und doch kräftig und intensiv. Handwerklich ohne Fehl und Tadel, dazu ein kleines Spiel mit Temperaturen und Konsistenzen. Lässt sich nur sagen: Top Einstieg, bitte weiter so.

Dazu dann noch die bisher beste Limonade meines Lebens. Organic Limonade von den Belvoir Fruitfarms aus England – so stimmig und gleichzeitig so simpel wie gut.

Blauer Hummer - Bunte Bete, Gartenkräuter, Zitrone

Blauer Hummer – Bunte Bete, Gartenkräuter, Zitrone

Und weiter geht’s mit, Bretonische Scholle & Pfifferlingen, Radieschen und Sauerampfer. Der Fisch kräftig gebraten – muss er auch um den Pilzen mit dem intensiven Sud Paroli bieten zu können. Um es vorwegzunehmen, klappt perfekt. Dazu, durch die knackige schärfe der Radieschen und der Säure des Sauerampfers immer noch leicht und beflügelnd. Einfach grandios – selbstverständlich, dass nichts auf dem Teller übrig bleibt – besonders kein Tropfen des vor Umami strotzenden, hocharomatischen Pilzsuds.

Und getrunken wurde? Ein erstes Ausrufezeichen! Der Fruchtsaft aus Boskoop mit Pumpernickel und Gerstenmalz. Unglaublich interessant, unglaublich lecker – schon jetzt zeigt sich die Leidenschaft Nils Henkels auch den nicht alkoholfreudigen Gästen, einen ebenbürtigen, flüssigen Genuss bieten zu können.

Bretonische Scholle - Pfifferlinge, Radieschen, Sauerampfer

Bretonische Scholle – Pfifferlinge, Radieschen, Sauerampfer

Die ersten beiden Gänge schon stark, da stellt sich mir die Frage, geht da noch was? Die Antwort folgt postwendend. Geschmorter Aal – Bohnensaft, Bohnenkraut und Bohnenkerne – klingt unspektakulär? Stimmt, aber was die Küche daraus macht ist einfach nur genial. Der fette Fisch stark im Geschmack, fast schmelzend im Mund, dazu die Bohnen, einfach keen.

Geschmorter Aal - Bohnensaft, Bohnenkraut, Bohnenkerne

Geschmorter Aal – Bohnensaft, Bohnenkraut, Bohnenkerne

Als Drink – zweites dickes Ausrufezeichen! Ein vor Farbe strotzender, selbstgemachter Bohnensaft, verfeinert mit geräuchertem Olivenöl. Dieser passt so gut dazu, dass er, in meinen Augen, als Bestandteil des Gangs mit aufgenommen werden sollte. Jedenfalls kann ich nur jedem empfehlen diese Vitaminbombe zu probieren – wirklich Wahnsinn.

Bohnensaft

Und auch beim nächsten Gericht fehlen mir eigentlich die Worte, um es zu beschreiben. Mann-o-mann, wo soll das nur noch enden? Für Chefsommelier Peter H. Müller ist der Griechische Salat mit Calamares, Schafsjoghurt, roter Garnele und Gurke eines der Highlights des Menüs. Kann ich voll und ganz nachvollziehen. Das ganze Sammelsurium aus Meerfrüchten und Reis ist kräftig – erinnert ein wenig an Paella. Durch die rohe Tomatenstange, die Gurkenkügelchen und den Joghurt bekommt es dann wieder die perfekte Balance zur Frische, die einen Salat ausmacht. Natürlich muss ich nicht erwähnen, dass die Meeresfrüchte perfekt gegart wurden und wunderbar zart sind – das versteht sich ja von selbst.

Und auch hier zeigt das Team wieder eine großartige Alternative zum Wein. Der klare Tomatensaft, mit Oregano und Tomatenessig passt, sitzt und schmeckt genial zum Salätchen. Mehr lässt sich dazu nicht sagen.

Griechischer Salat - Calamares, Schafsjoghurt, rote Garnele, Gurke

Griechischer Salat – Calamares, Schafsjoghurt, rote Garnele, Gurke

So, dass sich die Pure Nature Küche von Nils Henkel auf Fisch, Meeresfrüchte und Gemüse versteht, hat sie jetzt schon eindrucksvoll bewiesen. Aber wie sieht’s denn mit der Verarbeitung von Wirbeltieren aus? Die gebratene Entenleber – Kirschblütenvinaigrette, Getreide, schwarze Kirschen zeigt: genauso revolutionär, genauso genial, genauso lecker. Das Gericht hat wieder alles: kräftige Röstaromen, schmelzende Leber, süße Kirsche, dazu die Rustikalität des Getreides, einfach grandios. Ähm Herr Müller: Ein Highlight ist definitiv jetzt schon zu wenig für dieses Menü.

Und spätestens nach dem dazu gereichten Morellenkirschsaft mit Pondicherry Pfeffer hat mich die Ethanol-freie-Begleitung dermaßen überzeugt, dass sie das nächste Mal wieder auf den Tisch kommt. Auto hin oder her. Das habt ihr jetzt davon!

Gebratene Entenleber - Kirschblütenvinaigrette, Getreide, schwarze Kirschen

Gebratene Entenleber – Kirschblütenvinaigrette, Getreide, schwarze Kirschen

Apropos Highlight, was ist eigentlich mit dem Veggie Gang? Also, wenn alle Gerichte wie Waldpilze & Wurzeln – Grüner Karottensud, Kreuzkümmel, Cremiges Eigelb zubereitet sind, lege ich gerne öfter als einmal in der Woche einen Veggie Day ein – viel öfter. Das Potpourri aus Möhren und Pilzen in verschiedenen Farben, Formen, Konsistenzen und Zubereitungsarten ist so überzeugend, dass selbst absolute Fleisch- und Fisch-Fans – wie ich eigentlich auch  – nichts vermissen werden. Dazu noch das Eigelb, das alle Geschmäcker und Konsistenzen miteinander verbindet, einfach perfekt. Und damit ist auch diese Sache beschlossen. Das nächste Mal kommt neben der Unvergorenen Begleitung das vegetarische Menü auf den Tisch und: Der nächste Besuch ist schon geplant.

Müßig zu erwähnen, dass auch wieder der selbst bereitet Obstsaft begeistert. Letzten Besuch hatte ich bereits das Vergnügen mit Karottensaft, verfeinert mit Kreuzkümmel und Kümmel. Müllers Kommentar dazu: „Never change a running Team“. Wie Recht er doch hat.

Waldpilze & Wurzeln - grüner Karottensud, Kreuzkümmel, Cremiges Eigelb

Waldpilze & Wurzeln – grüner Karottensud, Kreuzkümmel, Cremiges Eigelb

So, kommen wir aber doch noch zu einem schönen Stück Fleisch. Hochrippe vom Rind – Barbecue Jus, Mais, Vogelmiere und dazu ein à-part Schälchen mit Beuschel, das von einem süßlichen Maisschaum bedeckt wird. Kurz: Rind kräftig und perfekt gebraten – so mag ich es am liebsten – , Soße dicht und hoch aromatisch, !keen, Beilagen fein gemacht und lecker – wie in jedem Gang –  und von den Innereien hätte ich auch noch einen ganzen weiteren Teller verdrücken können. Also wir halten fest, das Küchenteam um Nils Henkel kann Fisch, Meeresfrüchte, Obst, Gemüse und auch Fleisch in Perfektion. Weiter so!

Hochrippe vom Rind - Barbecue Jus, Mais, Vogelmiere

Hochrippe vom Rind – Barbecue Jus, Mais, Vogelmiere

Um nicht ganz so spießig herüber zu kommen kommt dann jetzt auch mal ein Wein auf den Tisch. Der 2005 Manyetes von Clos Mogador aus dem Priorat in Spanien. Passt gut zu den vielen Röstaromen und der kräftigen Jus. Ich korrigiere also, die Unvergorene bitte, aber ein Wein darf auch immer gerne dabei sein – wenn das Auto nicht wäre, auch gerne zwei oder drei.

Innerein und wein

So, bevor ich jetzt zu meinem geliebten süßen Teil komme, muss ich schon mal kurz Revue passieren lassen. Einfach grandios. Jedes Gericht fand ich bisher einmalig. Manches etwas mehr und manches etwas weniger, aber das ist auf einem solchen Niveau, da gibt es nichts zu diskutieren – das ist ganz große Küche. Vollkommen unverständlich also für mich, dass der Service – übrigens auch der super charmant, nett, zuvorkommend, einfach 1a – teilweise fast unberührte Teller aus der Nachbarschaft in die Küche zurück trägt. Na ja, jeder wie er meint. Schweinsbraten mit Knödel gibt es hier halt nicht.

Nun aber endlich zum Süßen und damit gleichzeitig zu, das weiß ich jetzt schon, einem meiner Lieblings-Patissiers in Deutschland. Frederic Guillon konnte mich schon vor einem halben Jahr für sich gewinnen. Natürlich nehme ich deswegen auch noch ein extra Dessert aus dem à la Carte Angebot.

So macht den Anfang: Oiallaschokolade – Multbeeren, Röstroggeneis, Dill. Was soll ich sagen? Einfach Großartig, wie nicht anders zu erwarten. Ganz großes Kino: Das Eis, dazu eine der besten dunklen Bioschokoladen und die vor Vitamin C und Benzoesäure strotzenden Beeren sorgen für den nötigen Säurekick. Alles handwerklich perfekt verarbeitet und präsentiert. Ein Schokodessert wie es im Buche steht. Und dieses Eis – ein Traum, davon könnte ich glatt ein paar Kugeln mehr essen.

Und auch hierzu gibt es das Passende in flüssiger Form. Einen Traminersaft von Erwin Gegenbauer. Er kann mehr als nur Essige.

Oiallaschokolade - Multbeeren, Röstroggeneis, Dill

Oiallaschokolade – Multbeeren, Röstroggeneis, Dill

Zum Abschluss dann noch was Leichtes, fruchtiges in Form von Erdbeeren & Walderdbeeren – Blonde Schokolade, Macadamianüsse, Mädesüss. Blonde Schokolade? Eine Kreation von Valrhona, technisch gesehen eine weiße Schokolade, also nur mit Kakaobutter, farblich und geschmacklich aber unterscheiden sich die beiden Schokoladensorten voneinander (genauere Beschreibung hier). Das ergab zumindest meine Recherche. Wie dem auch sei, auch das Dessert ist wieder genial. Die Früchte mit der blonden Schokolade und dem Dauerrenner Vanilleeis kann auch nur gut sein. Dazu noch die leckeren grünen Nüsse, sowohl farblich als auch geschmacklich eine Bereicherung.

Als Getränkeabschluss dann auch noch etwas leichtes, prickelndes und fruchtiges. Der Prisecco Rotfruchtig von Jörg Geiger aus dem benachbarten Baden-Württemberg. Der klasse Abschluss der fast alkoholfreien Getränkebegleitung.

Erdbbeeren & Walderdbeeren - blonde Schokolade, Macadamianüsse, Mädesüss

Erdbbeeren & Walderdbeeren – blonde Schokolade, Macadamianüsse, Mädesüss

Und auch nach diesem wahrlich großartigen Exzess ist noch Platz für die leckeren süßen Naschereien zum Verdauungsespresso. Danach ist aber wirklich Schluss – sowohl vom Menü als auch bei mir.

süße Naschereien

Das Fazit? Eigentlich überfällig, oder? Das Essen, die kreative Getränkebegleitung, der Service und nicht zuletzt die Desserts einfach Top. Bleibt mir nur noch übrig, sowohl dem Küchen-, als auch dem Service-Team für einen – zum zweiten Mal – wirklich genussvollen und schönen Abend zu danken. Ein Besuch lohnt sich – und ein dritter erst recht.

 

Gegessen hat das Ganze Alex. Geschrieben hat´s Alex und das nächste Mal ist Harald auch mit dabei.

 

Informationen zu diesem Besuch

Restaurant:

Schlosshotel Lerbach | Michelin 2 Sterne

Chef:

Nils Henkel

Ort: Bergisch Gladbach
Anmerkung: Auch ein weiteres Mal werden wir kommen. Ganz grosse Klasse!

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