In Bergisch Gladbach scheint die Sonne – zumindest auf dem Teller

Mitte August in Deutschland. Da könnte einem ja der Gedanke kommen, bei seinem Restaurantbesuch auf der Terrasse Platz nehmen zu können… Aber derjenige hat definitiv die Rechnung ohne unsere Breitengrade gemacht! Tatsächliche Situation: Bewölkt, Regnerisch, gerade so 20 Grad. Aber dafür entschuldigt das Menü auf ganzer Linie. Wo? Natürlich im Gourmetrestaurant Lerbach.

Also schnell das Menü gewählt. Sechs oder acht Gänge? Degustation oder rein vegetarisch? Eigentlich ganz leicht, oder? Nur In der Theorie. Aber in der Theorie gibt’s auch keinen Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Am Ende sind’s neun Gänge und eine Mischung aus beiden – gepaart mit noch ein klein wenig à la Carte. Sorry – hatte dabei auch fast ein schlechtes Gewissen.

Einfacher fällt da schon wie Wahl der Getränkebegleitung. Auto = Unvergorenes. Hätte ich wahrscheinlich sowieso gewählt – obwohl die Weinbegleitung, die der zweiten Person am Tisch eingeschenkt wird, definitiv was für sich hatte.

Jetzt aber mal los. Als Gruß aus der Küche die altbekannt und geschätzte Trilogie zu einem bestimmten Thema. Zurzeit: Estragon. In der Mitte eine Cevice (feine Aromen), rechts Fingerfood mit gekochtem Schinken auf einem Cracker (schön herzhaft) und links ein gefüllter Pulpo mit Aubergine (mediterraner, kräftiger Geschmack). Gruß zurück!

Amuse Gueule

Nun kann das Menü beginnen – mit einem à la Carte Gericht. Entenleber; Birkensaft-Pilze-Gerstenmalz-Süssdolde ist, vor allem im direkten Vergleich zu dem Entenlebergericht aus dem Hause Bacher, eine sehr interessante Angelegenheit – von der ich übrigens restlos begeistert war. Hier nun eine ganz andere Schiene. Nichts Fruchtiges, dafür mit Birkensaft und Pilzen viele erdige Aromen. Natürlich kommen dabei auch die süßen und sauren Komponenten, nach der jede Stopfleber nahezu schreit, nicht zu kurz. Dazu natürlich eine Brioche – halt, nicht in Standardausführung. Dunkel, ein wenig kräftiger und dennoch süßlich und buttrig wie man das von dem französischen Gebäck erwartet – passend zum Teller halt.

Und welches ist nun besser? Dorfer oder Henkel? Bacher oder Lerbach? Kampf der Titanen sozusagen. Subjektiv gesehen: gar keins. Unterschiedlich interpretiert und umgesetzt, aber beide würde ich mir wieder bestellen – und wieder, und wieder, und wieder…

Im Glas dazu gab’s das, was mal Wein werden wollte. Einen Muskat Otonell Traubensaft von der absolut unbekannten Essigmanufaktur Gegenbauer aus Wien. Traubensaft = pappsüß – so war zumindest die Verknüpfung meiner Synapsen gepolt. Aber erstaunlich wie man sich irren kann. Einfach mal ausprobieren.

Entenleber; Birkensaft-Pilze-Gerstenmalz-Süssdolde

Weiter geht’s im Menü mit einem Gericht, das sogar wirklich auf der Menükarte steht. Mit St. Petersfisch; Paellasud-Sepia-Bohnen-Räucheraal schickt die Küche direkt nach dem feinen, sanften Start (im eigentlichen Menü wäre es Hummer gewesen) einen Gang mit ordentlich Wumms. Kräftig gebratener Fisch gepaart mit einem Traum von Sud und fleischig, rauchigen Aalstücken. Die verschiedenen Bohnen steuern noch einige andere Texturen bei und fertig ist ein traumhaftes Fischgericht. Da lassen wir es uns auch nicht nehmen, den Teller mit dem Brot leer zu fegen. Gut, dass das hier gerne gesehen wird.

Als Flüssigkeit dann fast schon ein Klassiker des Hauses. Vom selbstgemachten Bohnensaft mit dem geräucherten Olivenöl war ich beim letzten Besuch schon absolut begeistert. Hat sich nix geändert!

St. Petersfisch; Paellasud-Sepia-Bohnen-Räucheraal

Kommen wir zum ersten Abstecher aus dem vegetarischen Menü. Nudeln machen ja bekanntlich glücklich. So auch Pappardelle; Artischocken-Parmesan-Tomaten. Der Gang musste einfach gewählt werden, da, wie ich finde, Pasta in der Sternegastronomie maßlos unterschätzt wird – außer Ravioli – und ich diese nur sehr selten dort antreffe – ich glaube heute sogar zum ersten Mal. Dabei wurden die klassisch mediterranen Zutaten in unterschiedlichen Formen, Zubereitungsarten und Aggregatzuständen kombiniert. Die Tomate sorgt für Säure und Frische, die Artischocken, samt dem Sud aus ebendieser, für Tiefe und der Parmesan für eine Erweiterung der Dimensionen in crunchige Gefilde. Natürlich schon lecker, aber für mich steht in diesem Gericht mehr die Artischocke im Vordergrund, durch die die Pasta ein wenig dominiert wird. Aber erstens, maulen auf hohem Niveau – wie immer – und zweitens, mag ich auch Artischocken sehr gerne und deswegen ist auch der Teller ratzeputze leer.

Noch einen weiteren Vorteil bringt dieser Gang mit sich. Nun weiß ich, was mit den ganzen Artischockenblättern passiert ist, die ich während meiner Zeit hinter den Kulissen vakuumieren durfte. Die fanden sich, teilweise gegrillt, in flüssiger Form im Glas wieder. Wahrscheinlich nicht jedermanns Sache, aber mir gefällt’s. Und allein die Idee: Hammer!

Pappardelle; Artischocken-Parmesan-Tomaten

Das nächste Gericht ist ebenfalls vegetarisch, stammt aber aus der normalen Menüfolge. Mit Pfifferlinge; Eigelb-Sauerampfer-Radieschen kommt da auch etwas auf den Tisch, woran nicht lange rumgedoktert werden will. Einmal mit dem Löffel durch und rein. Einfach ein Traum die Cremigkeit vom Eigelb, Knackigkeit und Schärfe der Radieschen, der Geschmack von Pfifferlingen und so weiter und so fort. Wie gesagt, nicht analysieren einfach essen…

… und trinken. Der dazu gereichte warme Pfifferlingstee passt ausgezeichnet. Sowohl zum Gericht, als auch zum Wetter. Letzteres ist nicht unbedingt positiv, aber da kann die Küche nichts für!

Pfifferlinge; Eigelb-Sauerampfer-Radieschen

Das Backhendl; Stubenküken-Kartoffelsalat-Gurke ist für mich wieder so ein Paradebeispiel dafür, warum ich eher selten Fleisch und dafür ordentliches esse. Dieses Hähnchenfleisch hat wirklich nichts mit dem hochgezüchteten, geschmacklosen, übergroßen Antibiotikapillen gemein, die man sonst so überall antrifft. Muss aber jeder für sich selbst wissen. Ich weiß nur: Klasse Gericht. Von der Idee, über die Umsetzung bis hin zum Geschmack. Super!

Auch das Getränk hat wieder einiges an Showeffekt zu bieten. Serviert wird ein Tonic Water – an sich ja nichts Spektakuläres. Darin befindet sich aber Stange dehydrierte, gefrorene Gurke die sich langsam auflöst. Witzige Sache!

Backhendl; Stubenküken-Kartoffelsalat-Gurke

So, das war aber schon der zweite Gang hintereinander aus dem planmäßigen Menü. Da muss wieder was gegen getan werden. Und zwar mit Malziger Sauerteig; Wachtelsolei-Gelbe Bete-Pfifferlinge-Liebstöckel. Sehr richtig, erneut auch was für Herbivore. Das Bild verrät es schon – da tummelt sich eine Vielzahl von Aromen, Texturen und Eindrücken auf dem Teller. Von kräftig, herb (Sauerteig und Cracker) über erdig (gelbe Bete und Pilze) bis hin zu kräutrigen und bitteren Aromen (Liebstöckel) ist alles vertreten. Da wird niemand einem Stück Fleisch nachtrauern.

Serviert dazu wird – wie sollte es anders sein – ein Malzbier, aus der Privatbrauerei Pinkus Müller. Auch das – wie sollte es ebenfalls anders sein – passt, mundet und ist bald leergetrunken.

Malziger Sauerteig; Wachtelsolei-Gelbe Bete-Pfifferlinge-Liebst

Wieder zurück zum eigentlichen Menü. Der Hauptgang besteht hier aus Reh aus der Eifel;  Lorbeerjus-Topinambur-grüne Mandeln. Topinambur ist ja auch nicht jedermanns Sache. Ich muss sagen, auch ich habe die schwer angesagte Knolle schon schlecht zubereitet gegessen. Aber so nicht im Lerbach. Viele unterschiedliche Texturen aber eine Gemeinsamkeit: Lecker. Der Gargrad des Fleisches ist super, aber den Kommentar kann ich mir hier eigentlich sparen! Was ich mir aber nicht sparen kann ist der Kommentar zur Soße. Oh wie, auf dem Bild nicht zu sehen? Möglicherweise vergessen? Natürlich nicht. Ein volles Töpfchen von der intensiven, dunklen Flüssigkeit – die so unglaublich viel Aufwand macht – wurde am Tisch zum selbstnehmen abgestellt. So sollte es sein. Und wir bitten um Entschuldigung dafür, dass ein kleiner Rest übrig blieb. Manchmal siegen doch noch Anstand und Etiketten über den Genuss – wir geloben aber Besserung.

Uii, schon so viel geschrieben. Ok, ich versuch’s mal kürzer. Zu trinken dazu gab’s einen Tobinambursaft der mit Boskoop und Pfeffer versetzt wurde. Da muss ich sagen, nicht mein Geschmack. Kann mir aber vorstellen, dass Herr Henkel und Herr Müller das öfter zu hören bekommen. Und in neun Gängen darf einem persönlich auch mal was weniger gut munden… Soviel zu kurz!

Reh aus der Eifel;  Lorbeerjus-Topinambur-grüne Mandeln

Egal jetzt geht’s an die Desserts. Und als erstes natürlich das aus dem vegetarischen Menü. Dabei ist Karotte; Stachelbeere-Gierschsorbet-Ziegenjoghurt so wunderschön appetitlich anzuschauen, dass ich doch glatt vergesse, ein Foto zu machen. Tja, Bauch halt schneller als Kopf. Wer will es ihm verübeln, denn das Dessert ist eines der besten, die ich je gegessen habe. Für jeden Pflicht zu probieren der in naher Zukunft ins Lerbach geht. Ernsthaft!

Der dazu gebotene Karottensaft mit Stachelbeere und Ingwer wird mir von Herr Müller als seine aktuelle Lieblingskombination annonciert. Jetzt wirklich kurz: Auf den Mann ist Verlass.

Nochmal passiert mir dieser Fauxpas jedenfalls nicht. Das eigentliche Dessert mit Kirschen; Macaeschokolade-Eberkraut-Kürbiskerne ist ebenfalls umwerfend. Ok, wenn ich mich entscheiden müsste, würde die Karotte gewinnen, aber zum Glück verlangt das keiner. Jedenfalls ist die klassische Kombi von Kirsche und Schokolade immer ein willkommener Abschluss. Das Eberkraut dazu bringt noch ein wenig Würze, aber ohne nach einem üppigen Menü zu überfordern.

Dazu wird gereicht: Curiosity Cola. Natürlich süß, hat aber noch einiges andere an Aroma zu bieten als die wohl jedem bekannte Standardvariante. Sachen gibt’s. Und auch dazu noch ein kurzer Kommentar von Herr Müller (sinngemäß): Kirsche, Schokolade und Cola, der Traum eines jeden Kinderzimmers. Ich sag ja: der Mann ihres Vertrauens in alkoholischen und non-alkoholischen Getränkebegleitungen.

Kirschen; Macaeschokolade-Eberkraut-Kürbiskerne

Der Vollständigkeit halber nun noch kurz die Fotos von den süßen Kleinigkeiten zum (doppelten) Espresso, die irgendwie immer noch eine Lücke im ansonsten gut gefüllten Bauch finden.

süße Naschereien

süße Naschereien

Und dann auch fix das Schlusswort: Ich finde das Lerbach ist immer noch eines der besten Lokale in dem ich bisher eingekehrt bin – und das von der Küchenleistung, über den sympathischen, jungen und lockeren Service – um Frau Steinheuer und Herr Müller – bis hin zur – daraus resultierenden – angenehmen und lockeren Atmosphäre . Tja, was dem Harald sein Amador, dass ist mir mein Lerbach! In diesem Sinne – nochmal liebe Grüße an alle aus Küche und Service – war wieder einmal ein großartiger Abend. Bis zum nächsten Mal!

Informationen zu diesem Besuch

Restaurant:

Gourmetrestaurant Lerbach | http://www.schlosshotel-lerbach.com/de/kulinarik/restaurant-lerbach

Chef:

Nils Henkel

Ort: Bergisch Gladbach
Anmerkung:

Legende - Wie war's?

so lala

okay

gut

Exzellent

Unbeschreiblich

Für Service und Ambiente

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